„Frau, siehe deinen Sohn!“ – Maria, Mutter aller Jünger
Drittes Wort vom Kreuz: „Frau, siehe, dein Sohn … Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,26b-27a). In dieser Betrachtung wollen wir uns das dritte Wort unseres Herrn Jesus Christus vom Kreuz anhören.
Es ist ein Wort an die Mutter und an den geliebten Jünger: „Frau, siehe, dein Sohn (…) siehe, deine Mutter“ (Joh 19,26b-27a). Vor dem bei uns gegenwärtigen Jesus fragen wir: Welche Bedeutung hatten diese Worte für Maria und den Jünger sowie welche Aussage haben sie für uns, für die Kirche, für die Menschheit?
Der Heilige Vater Benedikt XVI., indem er dieses Ereignis kommentiert, schreibt:
„Es ist der letzte Auftrag Jesu – ein Akt der Adoption, könnte man sagen. Er ist der einzige Sohn seiner Mutter, die nach seinem Tod allein auf der Welt zurückbleiben würde. Nun stellt er neben Sie den geliebten Jünger, macht ihn gleichsam an seiner Stelle zu ihrem Sohn, der von nun an für Sie verantwortlich ist – er nimmt Sie zu sich … Es ist also vor allem eine sehr menschliche Geste des scheidenden Erlösers. Er lässt seine Mutter nicht allein, er gibt Sie in die Obhut des ihm besonders nahen Jüngers. Und so wird auch dem Jünger ein neues häusliches Zentrum geschenkt – eine Mutter, die sich um ihn kümmert und um die er sich ebenfalls kümmert“.(J. Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Teil II)
Nach Papst Benedikt XVI. muss man bemerken, dass Johannes, wenn er von solchen sehr menschlichen Dingen berichtet, sicherlich daran interessiert war, das, was unter dem Kreuz geschah, im Gedächtnis zu bewahren. Für ihn war die Kreuzigung Jesu die entscheidende „Stunde“ seiner messianischen Sendung. So wie zu ihrem Anfang – in Kana –, so ist jetzt zu ihrem Ende Maria anwesend. Von den fünf Szenen, aus denen die johanneische Erzählung von der Kreuzigung und dem Tod Jesu besteht (Joh 19,16b-37), bildet die mit Maria die zentrale Szene. Sie ist zwei Figuren gewidmet, die nicht mit ihrem Eigennamen genannt werden, sondern mit Bezeichnungen, die ihre besondere Beziehung zu Jesus hervorheben: „Seine Mutter“ und „der Jünger, den er liebte“.“
Vom Kreuz wendet sich Jesus zuerst an seine Mutter, dann an den Jünger. Beide Aussagen zeigen, dass Jesus zwischen diesen beiden Personen die engste Bindung schafft. Sie drücken sie durch die einander entsprechenden Bezeichnungen aus: „dein Sohn“ und „deine Mutter“. Auf diese Weise wird durch den testamentarischen Willen des Gekreuzigten seine Mutter zur Mutter des geliebten Jüngers, und er wird zu ihrem Sohn. Da beide Personen eine typische, repräsentative Dimension haben („Frau“, „geliebter Jünger“), wird Maria zur Mutter aller Jünger Jesu, und sie erhalten in ihr ihre Mutter.
Bemerkenswert ist, dass Jesus Maria mit dem Titel „Frau“ anspricht. Derselben Bezeichnung bediente er sich bei der Hochzeit in Kana in Galiläa (Joh 2,4), als er die „Stunde“ des Offenbarens seiner Heilsmission begann. Am Ende dieser Stunde, auf Kalvaria, wo das messianische Werk Jesu vollendet wird, erhält Maria für immer in der Person des geliebten Jüngers die ganze Kirche – sie wird zur Mutter der Kirche. Nach den Worten an die Mutter wendet sich Jesus an den geliebten Jünger: „Siehe, deine Mutter“. In ihrer Person hat die ganze Kirche, alle Jünger Jesu, die Mutter empfangen. Die Gabe der Mutter, die ein integraler Teil der „Stunde“ Jesu ist, wurde vom Jünger angenommen, der „sie zu sich nahm“ (Joh 19,27b). Maria unter dem Kreuz wurde durch den Willen Christi zu unserer Mutter, zur Mutter uns aller, zur Mutter der ganzen Kirche. Sie führt uns mütterlich in die Liebe Christi ein, deren Glut sie erfahren hat. Ihr Herz ist offen für das Leben aller Jünger Christi. In ihr hat jeder seine Mutter, der er sein Schicksal anvertrauen kann.
Wir alle hier auf Erden brauchen eine Mutter. Die Mutter bringt uns zuerst zur Welt und ist dann die nächste Person in unserem Leben. Man kann im Leben verschiedene Freunde haben – treue, ergebene –, aber der treueste Freund bleibt immer die liebende Mutter. Sie verleiht dem Wort „Ich liebe dich“ hier auf Erden den vollständigen Inhalt.
Doch es kommt in unserem Leben die Zeit, in der unsere Eltern in die Ewigkeit eingehen. Unsere Mütter gehen physisch von uns weg. Und was dann? Dann müssen wir uns deutlicher bewusst machen, dass uns die Mutter Christi als unsere Mutter geblieben ist. Sie stirbt uns nie und wird nie alt. Sie ist wirklich die erste Mutter eines jeden und jeder von uns, die erste Mutter unseres Lebens.
Maria, die auf dem Kreuzweg und unter dem Kreuz anwesend ist, erinnert uns daran, dass sie auch auf unserem Kreuzweg ist, dass sie besonders dann bei uns ist, wenn wir leiden, wenn wir verlassen und erniedrigt sind. Von unserer Seite ist ein täglicher Akt des Aufnehmens von ihr erforderlich, so wie es der heilige Johannes getan hat: „Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie zu sich“ (Joh 19,27b). Die Tat des geliebten Jüngers, der Maria zu sich nahm, ist für uns eine ständige Herausforderung, dasselbe zu tun. Wenn wir sie zu uns nehmen, wenn wir sie in unserem Leben bei uns haben, lernen wir von ihr glauben, lieben und leiden – einfach gesagt, lernen wir von ihr, den Willen Gottes zu erfüllen. Und sie ihrerseits ist dann unsere Fürsprecherin, Vermittlerin und Trösterin.
Wir haben so viele Zeugnisse, die bestätigen, dass Sie immer bei uns ist als unsere Mutter und uns hilft – Sie hilft einzelnen Personen, unseren Familien und ganzen Nationen.
Und du, Bruder und Schwester, hast du die Worte unseres Herrn Jesus Christus zu Herzen genommen? Hast du, wie der heilige Johannes, Maria als deine Mutter anerkannt und gehst du mit Ihr durch dein Leben? Wie kann man das am besten tun? Auf die Worte des Herrn Jesus können wir täglich antworten durch ein zärtliches Gespräch mit Maria – mit Liebe und Einfachheit, wie mit der zärtlichsten Mutter – sowie durch andere Praktiken der marianischen Frömmigkeit, die unsere Bindung zu Christus vertiefen:
- Opferung unserer Gebete an Sie, besonders das Ave Maria, durch Ihren heiligen Rosenkranz, die Lauretanische Litanei, den Angelusgebet, Regina caeli und viele andere von der Kirche approbierte Gebete;
- Feier der marianischen Feste und Gedenktage in Harmonie mit der Liturgie;
- Nachahmung Marias und ihrer Tugenden, z. B. Geduld oder Demut;
- Lesen von Büchern über Maria, inspiriert von der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern;
- Hören und Singen marianischer Lieder;
- Verehrung Ihrer heiligen Bilder;
- Interesse an Ihren Offenbarungen und Ihrer Botschaft an die Menschheit, sofern sie von der Kirche anerkannt sind;
- Wallfahrten zu den Orten Ihrer Offenbarungen.
Du musst nicht sofort alle genannten Beispiele erfüllen. Versuche, dir täglich ein Gebet auszusuchen und eine Praxis hinzuzufügen, zum Beispiel die Nachahmung einer Ihrer Tugenden – der Geduld –, und du wirst sehen, wie deine Bindung zu Maria sich täglich in eine unzerbrechliche Bindung, Freundschaft und Freude verwandelt. Du wirst sehen, wie Maria dich auf den Wegen Ihres Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, führt.
Geistlicher Impuls: Maria, du Mutter aller Jünger, unter dem Kreuz hat Jesus dich uns anvertraut. Lehre uns, wie der geliebte Jünger, dich in unser Leben aufzunehmen. Begleite uns mit deiner Nähe, wenn Wege schwer werden, und führe uns immer tiefer zu Christus, deinem Sohn. Mach unser Herz offen für Gottes Willen und hilf uns, in dieser Welt Zeichen seiner Liebe zu sein. Ave Maria.